Ohne Perspektive

Die alte Tanke an der Ecke Hobrechtstraße/Sonnenallee verwahrlost und verfällt seit Jahren vor sich hin. Ein Opfer der Energiewende? Elektroautoschwemme in Neukölln? Natürlich nicht! Vielmehr wohl ein Objekt der Immobilienspekulation. Erste Investorenideen zur Bebauung mit einem Wohn- und Geschäftshaus verliefen im Sande, die zuletzt eingereichten Planungen sind fürs Bezirksamt „nicht genehmigungsfähig“. Zuletzt wechselte das verwaiste Grundstück in 2020 den Besitzer. Tragfähige Vorschläge sind bisher nicht in Sicht.

Offenbarungseid

Monetäre Simplizität und ästethischer Brutalismus: Greller Schrei eines (wohl) klammen Einfaltspinsels an der Ecke Donau-/Fuldastraße in Neukölln.

„Querdenker“-Bagage

Herrenlose Gepäckstücke beim derzeitigen BER-Probetrieb frönen offenbar einem ähnlich unreflektierten Herdentrieb wie mancher Querulant aus der von schwätzenden Maulhelden, dissonanten Rechthabern und dumpfen Blaunen maßgeblich orchestrierten Corona-Leugner-Bewegung. Dicht gedrängt und ohne MNS schert sich die bunte Mischpoke hier jedenfalls nicht einen Deut um den im Hauptterminal des neuen Airports auf allen Monitoren angemahnten Corona-Codex.

Asyl-Haus

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Berliner Gören inspizieren in einem Hof in der Wriezener Straße im Wedding die verwitterte Holzfassade eines unverkennbar amerikanischen Wohnhauses. Tatsächlich stand es einst in Detroit und beherbergte für ein paar Jahre mit Rosa Parks eine Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der in Berlin ansässige Künstler Ryan Mendoza verhalf dem vom Abriss bedrohten Holzbau zur Flucht und bot ihm auf seinem Grundstück im Berliner Norden erst einmal Asyl.

Political Correctness

Political Correctness für Struller

Pinkel nur in Feindesland! Klassenkämpferischer Hinweis für Struller in der Kreuzberger Naunynstraße. Gesehen während des Straßenfestes am 1. Mai.

Pimmel über Berlin

Penis-Skulptur am taz-Haus

Fest zementierte Persiflage auf den peinlichen Penis-Prozess um Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und das täglich in penetrant großen Lettern ausgestoßene, eher dürftige journalistische Ejakulat des Springerschen „Boulevard“-Blattes. Die Skulptur des Bildhauers Peter Lenk ziert die Ostfassade des Rudi-Dutschke-Hauses in der gleichnamigen Straße. In dem Gebäude sitzt auch die Redaktion des linksalternativen Sprachrohrs „taz“. Wie es wohl deren Schreiberlinge finden, Tag für Tag unter der über fünf Stockwerke hinaus erigierten Fuchtel eines Alphatierchens aus dem verfeindeten Springerimperium schuften zu müssen?

Unter den Laternen …

… turtelt wer wohl mit wem? Kohl küsst Gorbi? Stalin liebt Lenin? Frau Merkel schnäbelt Putin? Am Vorabend des 25jährigen Mauerfall-Jubiläums strömten Abertausende an diesem Gemälde des malenden Freibeuters Dmitri Vladimirowitsch Vrubel an der East-Side-Gallery vorbei, fotografierten es und sich mit ihm und spekulierten wahrlich wild über die Identität der in gegenseitiger Zuneigung zerfließenden Geschöpfe. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Irgendeiner fand dann dank Smartphone und App die Lösung und schrie sie stolz in die Nacht: es sind der Erich und der Leonid, die Schlawiner.

Milieustudie

Der Autor dieser aufschlussreichen Analyse hat vielleicht bei der Beschreibung der größten Immigrantengruppe in den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Friedrichshain die Charakteristika “Kehrwoche einführen” und “Latte schlürfen” unterschlagen, seine Intentionen sind jedoch eindeutig. Diesen Graffito zum Revierkampf in den Szenevierteln – neudeutsch Gentrifizierung genannt – gibt es auf einer Bank im Volkspark Friedrichshain zu lesen.

Ökonomischer Unsinn

Rafael Correa - "Ökonomisch Unsinnig"

„Die Wirtschaft ist dazu da, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Immer mehr Menschen aber verlieren ihr Zuhause, obwohl es eigentlich genug Wohnraum gibt. Aber die Familien, die ein Dach über dem Kopf brauchen, haben keines, während die Banken, die weder Haus noch Wohnung brauchen, diese im Überfluß haben. Das ist nicht nur unmoralisch, sondern ökonomisch völlig unsinnig.“

Ecuadors Präsident Rafael Correa zu den in der Wirtschaftskrise dramatisch zunehmenden Zwangsräumungen in Spanien während seines Vortrages „Wege aus der Krise“ in der TU Berlin gestern abend.

Die Rache Gottes

Lautete nicht das erste Gebot jener Republik, in der der Ochse den Esel nie aufhielt oder so ähnlich: Du darfst keine anderen Götter haben außer Stalin, Marx und Erich. Und wenn doch, dann nur so heimlich, dass selbst die HMs und IMs, die ihre Nase gern überall reinsteckten, den Braten nicht rochen. Und dann das! Als sie endlich aufging, die Sonne, über dem ersten Arbeiter- und Bauern-Staat auf deutschem Boden, da stand der Sozialismus, der lieber überholte als einzuholen, ganz unter dem Zeichen des Kreuzes. Nur der teuflische Klassenfeind wusste wohl warum!

Denn von wo aus man auch blickte auf den hoch aufragenden Telespargel, dem neuen Wahrzeichen der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, stets überstrahlte von ganz weit oben das himmlische Symbol der Christen die Heerscharen der irdischen Hämmer und Sicheln. Sie muss Honecker, Mielke und Konsorten getroffen haben wie ein Blitz aus heiterem Himmel, diese gleißende Rache Gottes.

Der Berliner Fernsehturm in der aufgehenden Märzsonne – über die (noch real existierenden, aber von kapitalistischen Bausündern bedrohten) Segmente des Antifaschistischen Schutzwalls an der East-Side-Gallery hinweg fotografiert.

Deutsche Wenden

Welches Foto passt am Besten zum 21. Jahrestag der Wiedervereinigung? Bilder von der Einheitsparty am Brandenburger Tor, wo viele Würtemberger aber so gut wie keine (Ost-)Berliner feiern? Von Wendehälsen aus der IM-Partei oder der wankelmütigen Mutti vom meckleburgischen Lande oder dem korpulenten pfälzischen Aussitzer? Nein, mein Bild des Tages soll ein wirkliches Symbol für das heutige, das vereinigte Deutschland sein. Für ein nachwendiges Deutschland.

Meine Wahl fiel auf ein Foto, vor kurzem aufgenommen an einer Stelle, wo einst die Mauer die beiden Teile Berlins unerbittlich trennte. Kaum waren 1990 die Grenzanlagen geschleift, besetzte hier eine Handvoll Menschen den nackten ehemaligen Todesstreifen zwischen den damals noch eigenständigen Bezirken Treptow und Kreuzberg. Die Invasoren bewohnten baufällige Bauwagen und verwandelten das leergeräumte Stück Ödland auf der Lohmühleninsel in ein grünes Refugium. Ihre Wagenburg existiert noch heute, auch wenn von den frühen Mitstreitern fast keiner mehr dort wohnt. Doch auch die heutigen Bewohner zeigen, dass sie mit Deutschlands politischen und gesellschaftlichen Volten umgehen können. So kommt in den Wagen nur Strom aus der Steckdose, der ganz den Leitlinien der Energiewende entsprechend mit eigenen Solarzellen produziert wird. Daher ist dieses Bild – wie ich finde – das richtige für den 21. Geburtstag des wiedervereinigten Deutschlands. Was meint ihr?

Guerilla-Gardening

Guerilla-Gardening

Eine öde Brachfläche in Mitte. Im Hintergrund eine Industrieruine. Und das Spreeufer. Umgeben von rostigen Zaunfragmenten. Überwuchert von spröder Ruderalvegetation. Ein schmaler Trampelfpad. Im Hintergrund eine Industrieruine. Versteckt, irgendwo zwischen den wuchernden Stauden und Gräsern ein kleines, von einem Flatterband eingerahmtes Viereck. Darin Kohl, Bohnen, Blumen.

Ausgefallene Revolution

Ausgefallene Revolution

Die Würfel sind gefallen, die Stimmen ausgezählt. Kein politisches Erdbeben, kein umsturz am Frankfurter Tor in Friedrichshain, die Revolution fällt aus. Hauke von der Überpartei/Bergpartei hat nicht genug Stimmen für den Berliner Frühling (oder besser Herbst) einfangen können bei der gestrigen Wahl. Nur FDP-Niveau. Aber trotzdem keine Krisenstimmung. Der „linke Hund“ wird es in fünf Jahren sicherlich noch einmal probieren.

Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

Noch stehen sie wie hier in der Karl-Marx-Allee in Reih und Glied. Oder sie hängen an Laternenpfählen, in Bäumen oder von Brücken. Nebeneinander, untereinander, übereinander. Bunte Konterfeis, mehr oder weniger omnipräsent. Versprecher mit Politikhintergrund unterschiedlichster Coleur. Zuweilen nicht ganz ernst gemeinte Slogans. Kurz: die verbale und optische Interpretation einer Flötenmelodie aus einer Kleinstadt an der Weser.

Doch heute ist der Tag der selektiven Wahrheit. Es wird gewählt und abgewählt. Und spätestens morgen früh sind die meisten der griffigen Werbesprüche reif für den Müllhaufen der Geschichte. Dann, wenn die Ergebnisse feststehen. Wenn die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert ist. Wenn die Linken wieder auf den Oppositionsbänken Platz nehmen müssen. Wenn die Sperrmüll-Kolonnen der BSR anrücken. Wenn die konstituierende Sitzung des neuen Berliner Abgeordnetenhauses beginnt. Wenn sich viele Versprechen als Versprecher erweisen. Aber vielleicht kommt es auch alles ganz anders.

Linker Hund im Hasenfell

Linker Hund im Hasenfell

Langohrenviagra – kostenlos und auf Rezept – scheint das Hauptanliegen der fusionierten Berg- und Überpartei bei der Wahl am Sonntag zu sein. Oder wie sonst soll man sich den leicht meschuggen Gesichtsausdruck des kleinen Hasens (oder ist es ein großes Karnickel?) namens Hauke erklären, der für diese Gruppierung in Lichtenberg kandidiert. Überhaupt seltsam, dieses Rammler-Outfit. Denn eigentlich ist Hauke Stiewe in seinem Revier (bzw. Wahlkreis) eher als „linker Hund“ denn als Hasenfuß bekannt. Sein Wahlplakat, das ich am Frankfurter Tor fotographiert habe, läßt allerdings auch andere Interpretationen zu.