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Spree-Titanic

Eis schließt die rostigen Reste eines Schiffes im Berliner Osthafen ein. Das Wrack könnte von Tragödien erzählen. Der Eigner nannte es nach seiner tödlich verunglückten Frau. In den Nachwendezeiten schipperte die nobel ausgebaute „Dr. Ingrid Wengler“ Passagiere über die Wasserstraßen Brandenburgs und Europas. Bis ein Berliner Wasser- und Schifffahrtsamt nach Streit mit dem Eigner das Schiff in den Osthafen schleppen ließ und – so liest man – es seinem Schicksal überliess. Ein nicht geschlossenes Ventil und im Winter platzende Leitungen beschädigten das Schiff, die in Berlin überall heimischen Vandalen taten das ihrige. Nun vollendet der Zahn der Zeit stetig und unerbittlich das Zerstörungswerk.

Eisbahnen

Hochbetrieb auf der Stadtbahn, rollendes Material in Kältestarre auf dem Talgo-Gelände. Aufgenommen von der Warschauer Brücke gen Osten.

Unter den Laternen …

… turtelt wer wohl mit wem? Kohl küsst Gorbi? Stalin liebt Lenin? Frau Merkel schnäbelt Putin? Am Vorabend des 25jährigen Mauerfall-Jubiläums strömten Abertausende an diesem Gemälde des malenden Freibeuters Dmitri Vladimirowitsch Vrubel an der East-Side-Gallery vorbei, fotografierten es und sich mit ihm und spekulierten wahrlich wild über die Identität der in gegenseitiger Zuneigung zerfließenden Geschöpfe. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Irgendeiner fand dann dank Smartphone und App die Lösung und schrie sie stolz in die Nacht: es sind der Erich und der Leonid, die Schlawiner.

The very best photoshop in town!

Erste Adresse für einen privaten Selfie-Strip ist in Berlin-Friedrichshain diese prominent auf einer Empore gelegene Porträtmaschine. Über eine ausladende Freitreppe ist sie bestens von der Warschauer Straße aus zu erreichen. Dank Doppelkabine sind die Wartezeiten kurz. Der Kreativität Flügel verleihende Mittel gibt es zudem in direkter Umgebung.

Potentielle Stammkneipe No. 5

Eckkneipe "Glühlampe" in Berlin-Friedrichshain

Fast hätte es was werden können mit regelmäßigeren Besuchen in der „Glühlampe“ am Ende der U-Bahnlinie 1. Die einstige Malocherschänke in Friedrichshain ist mittlerweile zu einer jener trendigen Musikkneipen mutiert, in denen zumeist aus den Tiefen der deutschen Provinz zugezogene Hauptstadt-Bewohner anzutreffen sind. Die lauschen hier einer wahren Vielfalt an handgemachten und synthetischen Klängen und konsumieren dabei bevorzugt Cocktails oder ein herzhaftes Bier aus einem Hamburger Hafenbezirk.

Ohnehin scheinen es die Betreiber mit St. Pauli zu haben. Alle Spiele der braungekleideten Kiezkicker lassen sich in der „Glühlampe“ live miterleben. Nun ja, wer es braucht. Aber ich hatte mir auch vorgenommen, dort wenigstens die Hamburger Stadtderbys im Souterrain des deutschen Profifußballs anzuschauen. Leider hat der Verein von „Uns Uwe“ mir gestern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Milieustudie

Der Autor dieser aufschlussreichen Analyse hat vielleicht bei der Beschreibung der größten Immigrantengruppe in den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Friedrichshain die Charakteristika “Kehrwoche einführen” und “Latte schlürfen” unterschlagen, seine Intentionen sind jedoch eindeutig. Diesen Graffito zum Revierkampf in den Szenevierteln – neudeutsch Gentrifizierung genannt – gibt es auf einer Bank im Volkspark Friedrichshain zu lesen.

Kluftiger Kubus

Quader im Hof eines Backsteingebäudes in Berlin-Friedrichshain

Der riesige Backstein-Komplex in der Naglerstraße (Friedrichshain) gruppiert sich um vier exakt gleichgroße Innenhöfe. In jedem dieser Patios gibt ein gespaltener, von grün und gelb schimmernden Flechten und Moosen überzogener Quader – den betont „künstlerischen Blickfang“.

Dieses ehemalige Fabrikgebäude wird derzeit als besonders coole Bürofläche genutzt. Ob das rissige Würfel-Quartett da aber die richtige Atmosphäre für die Kreativen in den umgebenden Arbeitslofts schafft? Schließlich müssen denen ja noch genug runde Ideen aus dem Schädel purzeln.

Zuspruch

MUT - Praxisschild in Berlin-Friedrichshain

Aufmunternde Bestärkung oder Ankündigung bevorstehender Pein? Welche Gedanken den Patientinnen wohl durch den Kopf gehen, wenn sie sich durch diese gläserne Tür hinauf in den ersten Stock begeben? Gesehen in der Rudolfstraße in Friedrichshain.

Taktgefühl

Nahezu perfekt aufeinander abgestimmt durchschreitet dieses Paar in synchroner Harmonie die heute so sonnendurchfluteten Arkaden der Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain.

Sie haben Post!

Sie haben Post!

Auch Computer-Freaks freuen sich über einen handgeschriebenen Brief mit echter Marke und persönlicher Zustellung – wenn denn nur keine Rechnung im Kasten landet. Gesehen in Friedrichshain.

Ausgefallene Revolution

Ausgefallene Revolution

Die Würfel sind gefallen, die Stimmen ausgezählt. Kein politisches Erdbeben, kein umsturz am Frankfurter Tor in Friedrichshain, die Revolution fällt aus. Hauke von der Überpartei/Bergpartei hat nicht genug Stimmen für den Berliner Frühling (oder besser Herbst) einfangen können bei der gestrigen Wahl. Nur FDP-Niveau. Aber trotzdem keine Krisenstimmung. Der „linke Hund“ wird es in fünf Jahren sicherlich noch einmal probieren.

Einlochen

Einlochen

Das erste echte Sommerwochenende seit Menschengedenken, da strömen die Berliner gleich en masse ins Freie. Zumindest gestern Nachmittag schien die Sonne dabei auch recht eigenartige Kräfte freizusetzen. Jedenfalls konnte man zwischen all den Grillern, Picknickern und Chillern im Volkspark Friedrichshain so manchen bei reichlich seltsamen Ritualen bestaunen. Wie z.B. dieses Trio hier, das mit gymnastisch anmutenden Verrenkungen versucht, einen unterm Gesäß baumelnden Kugelschreiber ohne Einsatz der Hände in eine Bierflasche zu bugsieren.

Haustür-Graphologie

Talentfreie Frustbewältigung

Diagnose: Sinnbefreites Gekritzel von offenbar schwer frustrierten (keine Freundin – kein Job – keine Ideen – keine Perspektiven) Kiez-Jünglingen. Ergänzung: Diese unvorteilhaft aufgebrezelte Haustür geriet mir am Ostkreuz vor die Linse.

Dufttunnel

Dufttunnel

Einfahrt in ein wahres Eldorado für Liebhaber urbaner Duftnoten. Die Gewölbe der Oberbaumbrücke bieten Fußgängern und Radfahrern ein vielfältiges Geruchserlebnis in einer kaum für möglich gehaltenen Intensität. Erfahrene Nasen können anhand der Aromen in der weltberühmten Berliner Luft sogar die Tageszeit ziemliche präzise bestimmen. So dominiert der strenge Odeur von Harnstoff und Urin die frühen Morgen- und späten Abendstunden, während Vor- und Nachmittags dichte Diesel- und Benzinschwaden fast alle anderen Ausdünstungen überdecken – auch die aufsteigenden Wolken verdunstenden Bieres, das zwischen den zersplitterten Glasflaschen den Boden des tunnelartigen Baus benetzt. Wintertags mischt sich schließlich noch das unwiderstehliche Bukett gepanschten Glühweins zwischen die ambulanten Händler und legt eine angenehm schwere Leichtigkeit des Seins in die Tiefen des Gewölbes.

Mauer-Pisser

Mauer-Pisser

Seine nach vormittäglichem Trinkmarathon am sonnigen Spreeufer arg strapazierte Pennälerblase entleert dieser James-Dean-Harald-Juhnke-Dumpfbacke-Bundy-Verschnitt zwischen den denkmalgeschützten Mauersegmenten der East-Side-Gallery. Eigentlich sollte man solche Struller in John-Wayne-Pose dazu bringen, ihre harnstoffgeschwängerten Hinterlassenschaften mit Zahnbürste und Zunge zu entfernen. Ob bei diesem Musterexemplar eines hirnbefreiten Baby-Face-Alkis dazu allerdings die motorischen Fähigkeiten noch ausreichen, habe ich so meine Zweifel – wahrscheinlich reicht es nur noch zum Nuckeln am besabberten Plastikmundstück einer billigen Aldi-Bierflasche.